Warum ich nicht mehr im Investment Banking arbeite

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2002, kurz nach der Krise und 9/11, begann ich meinen ersten „richtigen“ Job nach dem Studium im Investment Banking. Mein Wunsch war damals, mit smarten Menschen intelligente Ideen und Lösungen zu erarbeiten, um Risiken zu reduzieren und Investments ertragreicher zu gestalten. Und weil ich im Bereich Fixed Income den richtigen Ort dafür gefunden zu haben schien, blieb ich seitdem meinen Kunden und meinem Geschäftsbereich treu (und sie mir).

Ich bin ein “Derivate-Kind”, verliebt in alles bei dem es ein Mindestmaß an Komplexität gibt. Oder wie Manne damals sagte:

“Bei Aktien ist es wie beim Busfahren. Du kannst Dir überlegen wann Du einsteigst und wann Du wieder aussteigst. Aber du kannst nicht sagen, dass du jetzt nach links oder rechts fahren willst. Bei Derivaten ist das anders, da kannst Du entscheiden, ob du nach links oder rechts abbiegen möchtest.”

Fixed Income, Zinskurven und Creditkurven sind komplexer als Aktien, Derivate dann noch ein Sahnehäubchen, und somit ist dann auch klar gewesen, was mein Handwerkszeug sein sollte, wenn es der Situation angemessen war und die beste Lösung bot. Mein Ziel war, Probleme zu lösen, für die es bisher keine (vorgefertigten) Lösungen gab, smarte Lösungen für schlaue Kunden, unter verschiedenen Nebenbedingungen (Abbildbarkeit in Buchhaltungs- oder Managementsystemen, Risikomanagement, Regulierung, Gesetze natürlich etc.). Und so fand ich zu den Versicherungen und Versorgungswerken als Kunden. Weil die Persönlichkeiten der Ansprechpartner mir irgendwie ähnlich sind (und im Allgemeinen auch “anders” sind als andere Banker als Kunden), komme ich auch ganz gut zurecht mit ihnen. Sie sind tendenziell verschlossener, diskreter und weniger ‘Tratschtanten’ als die Kollegen auf der Bankenseite. Und man muss sich eine Weile lang erstmal das Vertrauen verdienen, bevor es überhaupt losgeht.

Und so ziehen mit den Jahren die Wirtschaftszyklen ihre Bahnen, Krisen, Bankenskandale, Händlerskandale. Auf und Ab. (Kleine Anekdote am Rande: Kaum begann ich bei der Société Generale, versenkte Jerome Kerviel Milliarden. Wenige Monate nach meinem Start bei der UBS zeigte sich, dass Kweku Adoboli Milliarden Euro versammelte… immer kurz nachdem ich dort begann. Zufall???)

Doch in den letzten Jahren hat es die Regulierung immer mehr übertrieben. Weg von einer Beurteilung der Produtkte durch den Kunden (immerhin ja ein professioneller Kapitalmarktteilnehmer), ob man ein geeigneter Gesprächspartner ist und ein Produkt zu der eigenen Kapital- und Risikoposition passt, geben nun scheinbar ausschließlich Gesetze den Rahmen vor. Gesetze die zur Risikoaversion drängen und zur Konzentration auf Standard-Produkte vom Fließband, die zwangsläufig dann nicht mehr in allen Fällen direkt dem Bedürfnisprofil der Kunden gerecht werden.

Neue regulatorische Anforderungen bewirken nun auch bei meinen Kunden, den Versicherungsunternehmen und berufsständigen Versorgungswerken, eine Flut an Verwaltungsaufgaben, die mittlerweile mehr Aufwand verursachen, als die für den eigentlichen Geschäftszweck notwendige Arbeit. Und das verdirbt allen die Laune.

Warum macht man also weiter, geht jeden Tag viele Stunden ins Büro, wenn es nicht mehr als möglich erscheint, seine “Mission” erfolgreich zu erfüllen? Es ist nicht das Gefühl der Neugier und Begeisterung, sondern nur noch, weil der Job so gut bezahlt ist. Besser als (so gut wie) jeder andere Beruf. Hinzukommt oft: Hat man sich also über die Jahre entsprechende standesgemäße Verpflichtungen aufgebürdet, gehen einem die Optionen für andere Arbeitsplätze und Tätigkeiten aus. Mit einer hohen Kostenbasis bleibt einem dann nichts anderes mehr übrig, als die Fahne zu schwingen und „Weiter so!“ zu rufen, in der Hoffnung, dass keiner merkt, dass man nicht Marco Polo ist, sondern im Kinderplanschbecken sitzt. Dazu kommt ein gewisses Maß an Eitelkeit, schließlich gehört man ja einer Berufsgruppe an, die in der Dokumentation von Marc Bauder treffend als “Master of the Universe” bezeichnet wurde. Von dem Selbstbild trennt man sich ungern, und sich davon freizumachen ist gar nicht so einfach.

Glücklicherweise habe ich die hohe Kostenbasis nicht und bin dahingehend unabhängig. Die Annehmlichkeiten eines hohen Gehalts sind mir sehr wohl bewusst. Aber genauso bewusst wird mir auch die eigene Unzufriedenheit und die der Kollegen, die Langeweile, weil man intellektuell nicht ausgelastet ist, und das Warten auf bessere Zeiten. Immerhin wird einem das fürstlich bezahlt.

Zufrieden jedoch macht das einen nur, wenn man von der Bezahlung genügend Trost gewinnt, und Geld einen ausreichend hohen Stellenwert hat, um sich nicht darüber klar zu werden, dass jede Woche verschenkte Lebenszeit ist. Bin ich bereit, Lebenszeit für Geld zu tauschen?

Nach meine Einigung mit meinem letzten Arbeitgeber gab es großartige Gelegenheiten, zu anderen Banken zu wechseln. Ich bin dankbar dafür, und sie schmeicheln mir natürlich sehr. Aber diese Pause, dieses Durchatmen zwischen zwei Gigs war auch ein Moment des Abstands und der Neubesinnung.

Ich habe mich dagegen entschieden. Das Leben bietet so viele Möglichkeiten, kann so aufregend sein. Es ist mir zu wertvoll, um für Geld darauf zu verzichten, zu wertvoll, um in einem Büro zu sitzen, und darauf zu warten, dass “die guten alten Zeiten” wiederkommen. Wird vielleicht nie passieren.

Und daher musste ich gehen. Daher sage ich ciao zum Investment Banking.

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